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„Was ist denn mit dem gesunden Menschenverstand passiert?“

Khandro Rinpoche

Common Sense

Khandro Rinpoche über gesunden Menschenverstand, sexuellen Missbrauch und vermeintliche Abkürzungen zur Erleuchtung 

Ihre Reisen in der westlichen Welt veränderten Khandro Rinpoches anfängliche feministische Haltung. „Es war nicht so sehr die Diskriminierung durch die Männer, die mir aufstieß, sondern die Naivität der Frauen. Wie weit sind wir verantwortlich – sind wir denn wirklich so unsicher, so leicht zu beeindrucken, so unentschlossen, so emotional, dass wir alle Logik über den Haufen werfen?“

Sie war schockiert, als sie bei ihren Reisen im Westen immer wieder Berichte über sexuellen Missbrauch hörte. Ein Wendepunkt war für sie ein Besuch in Deutschland. Eine Frau saß in Tränen aufgelöst im Publikum. Als Khandro Rinpoche nachforschte, stieß die Frau schluchzend hervor, sie sei vergewaltigt worden. „Von einem buddhistischen Lehrer.“ Bei einer Zufluchtszeremonie hatte der Lehrer zu ihr gesagt, sie solle später zum Pool kommen, allein und nackt. „Und du bist hingegangen?“ fragte Khandro Rinpoche. „Ja, ich bin hingegangen“, antwortete die Schülerin. Khandro Rinpoche schüttelt ihren Kopf und fragt: „Was ist denn mit dem gesunden Menschenverstand passiert?“ …

Sexualität ist ein heikles, oft missverstandenes Thema im Vajrayana. Im Gegensatz zu anderen buddhistischen Traditionen, die Verzicht und Entsagung predigen, wird Sexualität im Vajrayana als machtvolles Mittel benutzt, um Neurosen zu transformieren.

Wie also würde Khandro Rinpoche in diesem Kontext des Vajrayana sexuellen Missbrauch definieren?

Ihre Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Studiere den Vinaya!“  Obwohl der Vinaya traditionell als Verhaltenskodex für die Ordinierten gilt, besteht Khandro Rinpoche darauf, dass er auch für Laien wichtiges Studienmaterial ist. „Er beinhaltet sehr strenge und klare Verhaltensregeln, was erlaubt ist und was verboten. Wenn man ihn studiert, kann man klar erkennen, wenn jemand die Lehren manipuliert und missbraucht, und dann können Schüler das Verhalten hinterfragen. Viel Gutes kommt von guten Fragen. Wenn etwas keinen Sinn macht, hinterfrag es! Wenn wir auf sorgloses, ethisch zweifelhaftes Verhalten stoßen, müssen wir fragen: Warum geschieht das?“

Das Zölibat zu brechen ist offenkundig ein schweres Vergehen für einen Mönch, aber wie definiert sie sexuelles Missverhalten für Lehrer, die keine Keuschheitsgelübde abgelegt haben?

„Jeder Lehrer hat zumindest die Laiengelübde und die Bodhisattvagelübde abgelegt“, antwortet Khandro Rinpoche. „Abgesehen von dem offensichtlichen Missverhalten, wenn Gewalt angewendet wird, ist es auch Missbrauch und schmerzlich mit anzusehen, wenn ein Lehrer seine eigene Machtposition und die Naivität eines Schülers ausnutzt. Es ist Missbrauch, wenn Heuchelei, Täuschung und Lügen im Spiel sind. Wenn jemand vorgibt, er habe eine höhere Stufe der Verwirklichung erreicht, als es tatsächlich der Fall ist und ein Schüler dementsprechend in die Irre geführt wird, ist das sehr, sehr gefährlich. Es gibt keine Abkürzung auf dem Weg zur Erleuchtung, und man sollte jedem mit Misstrauen begegnen, der verspricht, er kenne einen kürzeren Weg.“

Khandro Rinpoche

Ihre Eminenz Mindrolling Jetsün Khandro Rinpoche zählt zu den herausragenden Dharma-Lehrerinnen unserer Zeit. Sie ist die Tochter von Seiner Heiligkeit Mindrolling Trichen, der bis zu seinem Tode im Februar 2008 das Oberhaupt der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus war. Jetsün Khandro Rinpoche wurde in die Mindrolling-Linie hineingeboren und von Seiner Heiligkeit dem 16. Karmapa als die Wiedergeburt der „Großen Dakini von Tsurphu“, Khandro Ugyen Tsomo, einer der berühmtesten Lehrerinnen ihrer Epoche, erkannt. Sie hält sowohl die Linie der Nyingma- als auch der Kagyü-Tradition.

Jetsün Khandro Rinpoche hat Belehrungen und Übertragungen von zahlreichen hochverwirklichten Meistern des 20. und 21. Jahrhunderts erhalten, darunter von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, Mindrolling Trichen, Dilgo Khyentse Rinpoche, Trulshik Rinpoche, Tenga Rinpoche, Taklung Tsetrul Rinpoche und Tulku Urgyen Rinpoche.

Khandro Rinpoche

Dr. Michaela Haas arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Journalistin für renommierte Medien wie die Süddeutsche Zeitung. Sie moderierte zahlreiche Kultur- und Interviewsendungen beim BR und in der ARD und hat eine eigene Coaching- und Consultingfirma, in der sie ihre Medienerfahrung weitergibt. Vor fast 20 Jahren wandte sich Michaela Haas dem Buddhismus zu, promovierte in Asienwissenschaften und lehrte unter anderem an der University of California in Santa Barbara. Sie lebt in München und Malibu.

Auszug aus

Dakini Power, Zwölf außergewöhnliche Frauen, die den heutigen Buddhismus prägen von Michaela Haas

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags. 

Hardcover, O.W. Barth 
01.10.2013, 432 S.

ISBN: 978-3-426-29220-4

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