Eine private ›Sekten‹-Seite?

Wie so oft im Leben entstehen Initiativen einfach, weil jemand eine bestimmte Erfahrung machte, berührt ist, eine Einsicht hat oder sich Ungrechtigkeit und Willkür entgegenstellen will. Meine Motivation für das Erstellen dieser Seiten waren sicher gemischt. Ausgangspunkt war aber in der Tat, anderen ähnliches Leid, wie Freunde und ich es erfuhren, zu ersparen.

Eigentlich ist es meines Erachtens die Funktion von übergeordneten Organisationen, wie der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), solche Dinge anzugehen. Auch gibt es die Sektenbeauftragten des Senats von Berlin bzw. der jeweiligen Länder und kirchliche Beratungsstellen.

Nach meinem Ausstieg wandte ich mich an einige dieser Stellen. Die DBU hat auf meinen Erfahrungsbericht, den ich 2003 einsandte, nicht reagiert; mit der Sektenbeauftragten des Senats Berlin, Frau Rühle, entstand ein netter Kontakt und Pfarrer Gandow empfahl mir, dass die Buddhisten für Fehlentwicklungen im Buddhismus selbst die Verantwortung übernehmen sollten.

Ziel dieser Seiten

Was will will ich mit diesen Seiten erreichen?
Ich möchte die schützen, die aufgrund von einem naiven Vorschussvertrauen blind in Gruppen hineinstolpern und fasziniert vom Buddhismus, dem Dharma und dessen Wirksamkeit und Wahrheit, in Strukturen hineinrutschen, die sie aus Mangel an Erfahrung, Mangel an Wissen und Information oder inneren Dispositionen nicht als unheilsam erkennen können und sich infolge dessen darin verfangen.

Diese Internetseite bietet Prüfkriterien an, versucht Ursachen zu beleuchten und menschliche Schwächen, die zu Sektenstrukturen führen.

Für das Hinterfragen der eigenen Entwicklung oder der Entwicklung in einer Gruppe, bedarf es lediglich der Offenheit, des Mutes, der Ehrlichkeit (auch sich selbst gegenüber), ausreichender Information und des gesunden und kritischen Menschenverstandes.

Diese Seiten sollen aufklären, zum Aussteigen ermutigen und schützen.

Besonders Jugendliche möchte ich schützen.
Jugendliche sind meist offen und frei, Dinge auszuprobieren und gehen auch mit mehr Riskofreude an die Dinge des Lebens heran. Der Vorteil einer solchen Heransgehensweise ist, das man schnell Dinge kennenlernt, hinzulernt und zu Erfahrungen kommt. Meist ist die Herangehensweise also unbekümmert. Aus meiner Beobachtung kann diese Unbekümmertheit eine beitragende Ursache sein, in Dinge hineinzugeraten, aus denen dann nur schwer wieder herauszukommen ist.

Außerdem will ich Aussteigern eine Plattform, Trost, Schutz und Informationsquelle bieten.
Als ich von Buddhisten gefragt wurde, was mich geschützt hätte, in eine ›Sekte‹ zu rutschen, sagte ich spontan: »Die Information, dass es buddhistische Sekten gibt und Kriterien wie man sie erkennen kann.« Denn obwohl ich mit einem Freund bei der Sektenberatung war und von neun Kriterien acht auf die Gruppe zutrafen, lies ich mir den Verdacht ausreden, weil die Lehrerin der Gruppe sagte: »Buddhismus ist eine Weltreligion, keine Sekte. Was glaubst Du weltlichen Menschen? Was denkst Du von einem Pfarrer erwarten zu können, außer Schlechtes über den Buddhismus?«

Was ich nicht will:
Diffamieren, den Buddhismus schlecht machen, Gruppen benennen oder bewerten.
Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagte zwar, dass man Lehrer, die die Lehren missbrauchen mit dem Namen benennen soll und sagen sollte: 'das ist nicht mehr Buddhas Lehre!' dies muß aber, denke ich, Aufgabe eines ›Ethikrates‹ innerhalb der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) sein.

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Die Deutsche Buddhistische Union (DBU) und das Thema ›Sekten‹

Im Jahre 2003 sandte ich einen Erfahrungsbericht an die DBU, auf den ich allerdings keine Antwort erhielt. Gegen Ende 2004 setzte sich vor allem Franz Johannes Litsch (ein ehemaliges Ratsmitglied der DBU) vehement für eine Bewusstwerdung und Auseinandersetzung mit dieser Problematik innerhalb der DBU ein.

Als Ergebnis seines Einsatzes stellte sich die Deutsche Buddhistische Union mit Beginn des Jahres 2005 dann offen dieser Thematik und begann sich mit diesem Thema tiefer auseinanderzusetzen. Hier der Auszug aus einem Email, das ich am 05.02.2005 vom stellvertretenden Ratsvorsitzenden der DBU, Hans Erich Frey, erhielt:

»… Im übrigen hat die breit geführte Diskussion zur neuen Satzung und zum Bekenntnis erneut einen klaren Konsens darüber erbracht, dass der Rat der DBU keine 'Glaubenskongregation' darstellt. Allen Versuchen, den Rat in diese Richtung zu bewegen, werden wir nicht folgen. Natürlich ist es jedem Buddhisten unbenommen, seine Meinung öffentlich zu äußern. Hierfür steht u.a. das Forum zur Verfügung. Das macht eine Aussprache auch zu kontroversen Themen möglich.

Als Fazit unserer Diskussion beauftragt der Rat die AG-Zukunft, eine Stellungnahme zum Thema „Sekten“ zu erarbeiten. In die Diskussion hierüber sollen alle Mitgliedsgemeinschaften und deren „Fachleute“ einbezogen werden. Damit wollen wir eine breite, traditionsübergreifende Meinungsbildung erreichen. Den Mitgliedsgemeinschaften und Einzelmitgliedern steht es dann offen, sich mit Hilfe einer solchen Handreichung mit Fehlentwicklungen innerhalb der eigenen Traditionslinie auseinanderzusetzen.«¹

Im Juni 2005 fand in Dinkelscherben (bei Augsburg) das erste Treffen der DBU-Gruppe »AG-Zukunft Thema 'Sekten'« im Bodaisan Shoboji statt. Das 2. Treffen folgte im Januar 2006 am selben Ort. Als Betroffene eingeladen wurden dazu ein sehr guten Freund und ich mit der Ermahnung, dass wenn wir Emotionen zeigen würden, dies unserem Anliegen abträglich sein würde.

Im April 2007 wurde auf der Mitgliederversammlung der DBU einstimmig eine Handreichung verabschiedet, die das Ergebnis des im Jahr 2004/2005 begonnenen Prozesses ist. Diese Handreichung »Orientierungshilfe – heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen« ist nunmehr als PDF-download bei der Deutschen Buddhistischen Union erhältlich.

Auf Initiative Franz Johannes Litschs gab es zur Mitgliederversammlung der DBU am 25. April 2011 einen Workshop zum Thema »Missbrauch«. Dem Workshop waren mehrere Ereignisse in buddhistischen Gemeinschaften in Deutschland vorausgegangen. Von den ca. 50 Teilnehmern des Workshops wurde einstimmig beschlossen, qualifizierte Ansprechpartner und Strukturen innerhalb der DBU zu schaffen, die zweifelnden, irritierten oder aktuell betroffenen Menschen die nötige Unterstützung und Informationen geben. Auch wurde die schon lange von Franz Johannes Litsch vorgeschlagene Idee der Einrichtung eines »Ethik-Rates« und das Aufstellen eines Lehrer-Verhaltenskodex aufgegriffen. Zur Umsetzung dieser Anliegen wurde eine Arbeitsgruppe »Ethikrat« gegründet, die ihr erstes Treffen vom 26.08.–28.08.2011 im Shambala Zentrum in Marburg hatte. Das 2. Treffen dieser Arbeitsgruppe fand vom 16.03.–18.03.2012 in Fulda statt; dabei wurde sich vor allem auf die Erarbeitung einer »Ethik Charta« konzentriert.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte direkt an die DBU.

Sektenbegriff

Eigentlich ist der Begriff »Sekte« für Gruppen, in denen man die eigene Freiheit verliert und immer abhängiger wird, umstritten. In der umgangssprachlichen Verwendung ruft der Begriff Sekte, meiner Meinung nach, auch zu Vorsicht und Wachsamkeit, in diesem Sinne verwende ich ihn.

Diesen Begriff verwende ich also, um für Vorsicht und Achtsamkeit zu werben, um aufmerksam und munter zu machen, wenn sich offene, interessierte oder suchende Menschen, auf buddhistische Gruppen einlassen oder schon eingelassen haben.
Das ist vielleicht etwas gewagt, ok.

Ich verwende ihn nicht für:

  • die Diffamierung von Gruppen
  • Pauschalurteile
  • im christlich-religiösen Kontext
  • im Zusammenhang, dass manche von den tibetischen ›Sekten‹ der Nyingma, Gelugpa, Kagyupa oder Sakyapa Schule sprechen.

Laut Duden ist eine »Sekte« eine »kleinere Gemeinschaft, die in meist radikaler, einseitiger Weise bestimmte Ideologien oder religionsähnliche Grundsätze vertritt, die nicht den ethischen Grundwerten der Gesellschaft entsprechen.«

Georg Schmid erklärt die Etymologie des Begriffes wie folgt:

»Das Wort Sekte geht auf das lateinische ‚secta’ zurück, welches vom Verb ‚sequi’ - ‚folgen’ i.S.v. ‚einem Meister nachfolgen’ abzuleiten ist. Die Etymologie betont damit ein wesentliches Merkmal sektenhafter Gruppen. Die nicht selten zu hörende Ableitung vom Verb ‚secare’ - ‚abtrennen’ ist historisch gesehen sekundär und einem veralteten kirchlichen Sektenbegriff von der Sekte als Abspaltung von der Kirche verpflichtet. Effektiv sind die allermeisten heutigen Organisationen, die eine erhöhte Sektenhaftigkeit aufweisen, Neugründungen und nicht Abspaltungen von einer anderen Organisation. Neu mit Sinn gefüllt werden könnte die Ableitung von 'secare' dann, wenn sie als 'sich von der umgebenden Gesellschaft abtrennen' verstanden wird.«²

Sektenstrukturen, Sekten und Sektenführer gibt es aber nicht nur im religiösen Kontext. Diktaturen, Wirtschaftssekten, Psychosekten, sektenhafte Strukturen in Familien usw. weisen ganz ähnliche Merkmale auf. Überall wo Menschen zusammenleben, können sektenhafte Strukturen entstehen. Die Strukturen entwickeln sich aus Schwächen des menschlichen Geistes heraus und entfalten ihre Wirkung in wechselseitiger Beziehung der Mitglieder untereinander. Letztlich werden solche Strukturen von allen aktiven Mitgliedern mitgetragen, wobei diese selbst die Mechanismen dieses abhängig machenden Systems kaum durchschauen und Kritik von außen selten nachvollziehen können und als Angriff deuten.

Eine Gruppe kann ‚versekten’ und bei kritischer Selbstreflexion auch wieder ‚entsekten’. Entscheidend für die gesunde Entwicklung sind Offenheit, Ehrlichkeit, Wissen und die Fähigkeit zur selbstkritischen Analyse.

Weiteres

Sektierertum

Im Hinduismus ist eine sektiererische Einstellung definiert als: alle Haltungen, die Menschen voneinander und dadurch auch vom Mysterium trennen und glauben sich erheben zu können. Im tibetischen Buddhismus gibt es keinen Begriff für Sekte, was von manchem tibetischen Buddhist als Indiz gewertet wird, es gäbe soetwas nicht im (tibetischen) Buddhismus. Aber nur weil es keinen Begriff gibt, heißt das nicht, dass ein Phänomen nicht existiert, ein Baby z.B. existiert auch ohne einen konkreten Namen zu haben …

Buddha:

»Die Konsequenzen religiösen Sektierertums sind weitaus schlimmer, als Heilige zu töten oder so viele religiöse Denkmäler zu zerstören, wie es Sandkörner im Ganges gibt.«

Geshe Ngawang Dhargyey kommentiert diesen Vers: Indem wir gering schätzend (verächtlich) über andere religiöse Systeme sprechen, begehen wir den schweren Fehler des Dharmaaufgebens.

Religiöses Sektierertum zerstört den Grundstein des spirituellen Weges.
In seiner Darlegung über „Buddhismus ohne Sektierertum“ schreibt Ven. Deshung Rinpoche

»… erkenne und vermeide die Gefahr geistiger Engstirnigkeit. Sie manifestiert sich in Kreisen der Sangha in der Form von Sektierertum: eine parteiliche Einstellung, eine Tendenz, verblendete Anhaftungen an das eigene religiöse System zu entwickeln und andere Schulen des Buddhismus als unterlegen abzulehnen. Ich habe diesen engstirnigen Geist, der dem Buddhismus abträglich ist, in meinem eigenen Land Tibet, während der letzten 20 Jahre meines Aufenthalts in Amerika gesehen, und ich habe sein Anwachsen auch in den vielen Dharmazentren gesehen, die hier von tibetischen Lehrern und ihren Schülern gegründet wurden. Ich beobachte immer mit Besorgnis, dass Sektierertum sich in Dharma-Zentren verwurzelt.«

Ven. Deshung Rinpoche bezieht sich in seiner Dharma-Rede auf Jamgon Kongtrul den Großen und zitiert ihn:

»Der Weise wird Vertrauen in die Lehren aller Schulen haben, wird den Dharma, den er in jeder von ihr findet, lieben, gerade so wie eine Mutter all ihre Kinder liebt. Der Geist einer weisen Person ist weit wie der Himmel, mit Raum für viele Lehren und Unterweisungen, mit Raum für viele Einsichten und viele Arten der Meditation. Aber der Geist des ignoranten Sektierers ist begrenzt, angespannt und eng wie eine Vase, die nur wenig aufnehmen kann. Wegen der selbst auferlegten Begrenzungen ist es schwierig für so einen Geist im Dharma zu wachsen. Der Unterschied zwischen dem weisen und dem sektiererischen Buddhisten ist wie der zwischen der Weite des Raumes und der Enge einer Vase.«

So sollte man, weder andere buddhistische, noch nicht-buddhistische Schulen aus Anhaftung an das eigene religiöse System zurückweisen, noch sollte man sie aus Abneigung, Stolz oder Verachtung ablehnen. Ven. Deshung Rinpoche erläutert, dass das gegen Buddhas Lehren ist und anderen und vor allem dem eigenen spirituellen Weg nur Schaden zufügt: „Sektierertum zerstört den Grundstein unseres spirituellen Weges.“

Weiteres

Wer fällt auf eine ›Sekte‹ herein?

»Auf eine Sekte kann jeder hereinfallen, eine Sekte kommt sanft zu dir oder du zu ihr. Sie kommt in einem versteckten Gewand, es ist nicht so, dass dies offensichtlich ist.« Ex-Mitglied einer buddhistischen Gruppe

Steven Hassan, Psychologe und Austrittsexperte, der mit mehr als 1000 ehemaligen Mitgliedern unterschiedlichster Gruppen arbeitete, schreibt in seinem Buch „Ausbruch aus dem Bann der Sekten“, dass die von ihm betreuten Aussteiger zwischen 12 und 85 Jahre alt waren. Manche von ihnen hatten bereits vor ihrem „Sekten“eintritt ernstliche emotionale Probleme, doch die meisten seien stabile, intelligente und idealistische Menschen mit guter Bildung gewesen, die aus angesehenen Falimilien kamen—engagierte und motivierte Menschen. Für effektive Organisationen seinen diese auch wichtig, weil sie besonders belastbar sind und zudem Facharbeit für die Gruppe/Organisation leisten, ohne dass diese für diese Dienste bezahlen muss. Zudem verleihen Profis der Gruppe ein höheres Ansehen und stellen den Erfolg sicher. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch Akademiker (wie z.B. Anwälte) ›Sekten‹ unterstützen oder deren Mitglieder sind oder bekannte künstlerische Größen, wie Madonna, Anne Archer oder Tom Cruise.

Auf die Frage, ob ein Betroffener aus einer typischen „Problemfamilie“ kommen müsse, antwortet Steven Hassan, klar mit nein.

»Jeder kann in eine Sekte geworben werden, egal aus welchen familiären Verhältnissen er stammt. Der ausschlaggebende Grund ist hier nicht die Familie des zu Werbenden, sondern die Geschicklichkeit des Werbers.« Steven Hassan

Nach Magaret T. Singer »zeigt die Forschung, dass etwa zwei Drittel aus normalen, funktionierenden Familien stammen und zur Zeit ihres Eintritts altersgemäßes Verhalten aufwiesen. Von dem restlichen Drittel hatten nur ca. 5-6 % vor dem Eintritt in die Sekte ernsthafte psychische Schwierigkeiten; die übrigen hatten eine diagnostizierbare Depression, die mit persönlichen Verlusten zusammenhing … oder sie steckten in alterspezifischen sexuellen oder berufsbezogenen Konflikten.«³

»Entgegen der gern geglaubten Fiktion, normale Menschen würden nicht auf Sekten hereinfallen, ist im Laufe der Zeit klar geworden, dass jeder für die Verführungskünste dieser meisterhaften Manipulateure anfällig ist.« Margaret T. Singer (weltweit anerkannte Expertin für Cults und Mind control; arbeitete über 30 Jahren mit mehr als 3000 aktiven und ehemaligen Sekten-Mitgliedern)

Manipulation, Indoktrination, Bewusstseinskontrolle?

Nach Steven Hassan wäre zu bedenken, dass ›Sekten‹ über ausgefeilte Systeme der Bewusstseinkontrolle (mind control) verfügen, die die subtilsten Wünsche und Sehnsüchte der Menschen ansprechen und dass eine stufenweise, kaum durchschaubare und dem Tempo des neuen Anwärters angepasste, Indoktrination stattfindet.

Dass eine „stufenweise, kaum durchschaubare und dem Tempo des neuen Anwärters angepasste, Indoktrination stattfindet“, dem kann ich aus eigener Erfahrung völlig zustimmen. Allerdings habe ich Probleme mit dem Begriff „Bewusstseinkontrolle“ und der häufigen Annahme, die in einer ›Sekte‹ erfahrene Manipulation, sei bewusst vorgenommen worden, also in voller Kenntnis dessen, dass der Andere manipuliert wird.

„Mind control“ im Sinne von Gedankenkontrolle und damit der Arbeit an den negativen Emotionen, ist ein Kern der buddhistischen Anwendung und sicher auch jeden geistigen (spirituellen) Trainings. Gefährlich wird es meines Erachtens erst, wenn die Mittel der „Gedankenkontrolle“ die Wirklichkeit verzerren, ausblenden oder leugnen. Ziel im Buddhismus ist, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist.

Betrachtet man geistige Lehrer (incl. manche Psychologen, Politiker, Manager u.a. Persönlichkeiten), die schließlich Missbrauchstendenzen entwickeln, und deren Gefolgschaft, kann man meines Erachtens folgendes beobachten:

Solche geistigen Lehrer verfügen in der Regel über große innere als auch fachliche Qualitäten und intuitive Fähigkeiten. In ihren zwischenmenschlichen Beziehungen erkennen sie mitunter sehr genau die Blockaden im Anderen (ihre Schwächen), sie besitzen zudem Erklärungsmodelle für die Zusammenhänge der Welt, des Seins, ihres Fachs usw., was sie für ihre Anhänger ja auch erst einmal so wertvoll macht. Anfänglich sind solche Lehrer—vielleicht—mit aufrichtiger Absicht und gutem Willen angetreten, anderen nützlich zu sein und ihre Fähigkeiten für andere wirksam einzusetzen. Im Laufe der Zeit mag sich dann aber ein Gefühl eingeschlichen haben, etwas ganz Besonderes zu sein, besser als andere - eventuell verbunden mit inneren Visionen, Träumen, von denen man einen „Missionsauftrag“ ableitet. Die hingebungsvolle und staunende Anhängerschaft tut ein Übriges zur allmählich verzerrter werdenden Selbst-Wahrnehmung des Lehrers, indem sie ihn bedingungslos und kritiklos anhimmelt und emporhebt, naiv bewundernd verabsolutiert. Dadurch erhält der Lehrer eine Machtposition, in die ihn letztlich seine eigenen Anhänger brachten. Machtgefühle sind extrem verführerisch. Ist die Persönlichkeit des Lehrers nicht weit genug entwickelt, wird das verführerische Gefühl der Macht Kontrolle über ihn erlangen und er wird alles tun, um die Macht zu bewahren, zu vergrößern und nicht zu verlieren, was dann zu den entsprechenden rücksichtlosen Handlungen führt, die andere als Missbrauch erfahren. Im wechselseitigen Spiel, von zunehmend überzogenem Selbstbildnis der eigenen Größe des Lehrers und dem naiven Anhimmeln und Emporheben des Lehrers durch die Gefolgschaft, entfaltet sich dann eine zunehmende Tendenz zur Verherrlichung und Verabsolutierung des Anführers, einhergehend mit Unfähigkeit zur Selbstkritik. Die Vorstellung eigener Größe und Unfehlbarkeit drückt sich nach außen so aus, dass ein solcher Lehrer keine Person im eigenen Umfeld auf gleicher Ebene zulassen kann, noch andere spirituelle Persönlichkeiten, die höher als er selbst gestellt sind, die ihm überlegen sind, aufrichtig wertschätzen kann. Im Gegenteil, er erkennt deutlich Mängel in ihm überlegenen Personen und hält sich für höher und weiter entwickelt als sie. Maximal dienen ihm überlegenen Persönlichkeiten als eine Stärkung des eigenen Ich, als eine Art Schmuck, indem man sich mit deren Namen und (oft manipulierten) Aussagen ziert, wie es z.B. Shoko Ashpara (AUM Sekte) mit S.H. dem Dalai Lama tat. Die Anhänger wiederum können sich durch das übertriebene Bild der Makellosigkeit des Anführers, in Gefühlen der Sicherheit, Geborgenheit und vollkommen verlässlicher Orientierung und Führung wiegen. Sie haben eine Art äußeren Halt durch den Anführer gefunden. Der unfehlbare Lehrer dient als sicherer Anker in einer zunehmend als orientierungslos und chaotisch erfahrenen Welt. So können „aufrichtige“ Anhänger, Kritik am Anführer weder verstehen noch zulassen. Sie können sich selbst nach Missbrauch oder der Erkenntnis, dass einiges schief läuft, nur schwer von ihm trennen, da sie ihren äußeren Anker verlieren würden und keinen inneren Anker in der Zeit ihrer Anhängerschaft gefunden haben.

Steven Hassans Ansätze implizieren nach meiner Beobachtung zu sehr, dass die Manipulation, die in einer ›Sekte‹ stattfindet—mitunter auch als ›Gehirnwäsche‹ bezeichnet—bewusst vorgenommen wird. Das erscheint mir dann doch zu vereinfachend. ›Manipulation‹ muss kein bewusster Prozess sein. Es wird meines Erachtens eher selten vorkommen, dass ein Anhänger oder Anführer einer ›Sekte‹ denkt: 'den manipuliere ich mal'. Was ehemalige Mitglieder von ›Sekten‹ später als Manipulation bezeichnen, ist meines Erachtens eher ein unbewusster Prozess in der Gruppe, den der ehemalige Anhänger genauso mitgetragen hat. (Allerdings kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass eine sehr durchtriebene Person bewusst andere Menschen manipuliert und dabei äußerst planvoll vorgeht und dass dann die Anhänger diese Manipulationsmechanismen bewusst oder unbewusst übernehmen und anwenden.)

Gruppen mit Sektenstrukturen, deren Mitglieder und Anführer glauben absolut an sich. Sie sind absolut von der Makellosigkeit ihrer lauteren/höheren Absicht und ihres Tuns überzeugt. Sie haben zuerst in sich selbst ein geschicktes und effizientes geistiges System zur Erlangung einer völligen Überzeugung in Bezug auf die makellose Heilsaktivität der Gruppe und ihres vollkommenen und selbstlosen Lehrers (Anführers) entwickelt.

Sie entwickelten also zuerst in sich, in Bezug auf die eigene Person, effektive innere Methoden der Manipulation von Gedanken, Gefühlen, Informationen, Beobachtungen und Erfahrungen hin zu einer gewünschten 'guten' Wirklichkeit.

Zusätzlich verstehen sie sich als auserwählter Teil dieser Sache, die nur wenigen zuteil wird. (Erzeugt freudige und teils euphorische Gefühle.) Mit dieser inneren Kraft können sie überzeugend und selbstbewusst auftreten und vermitteln ein Gefühl von Zuversicht und Sicherheit an Außenstehende. (Wirkt für Außenstehende wie starkes Selbstvertrauen oder auch Arroganz.) Aus der inneren Überzeugung 'richtig' zu sein und dem Haften an diesem Gedanken, entsteht ein Zwang, sich und anderen das permanent zu beweisen. (Wirkt für Außenstehende mitunter als verbohrt und fanatisch, mitunter glasige Augen, starrer Blick oder wie in einer anderen Welt lebend; kann sich aber auch als völlige Gleichgültigkeit gegenüber den Ansichten, Erfahrungen und Meinungen anderer äußern.)

Dieser Zwang, beweisen zu müssen, wie großartig oder einmalig der Anführer/die Gruppe ist und das Geschick in der Eigenmanipulation, lässt spontan und unbewusst die Talente für die Manipulation anderer Menschen entstehen, sie auf die eigene Wahrnehmung zu trimmen. Beim Leiter und engen Mitarbeitern werden diese manipulativen Fähigkeiten mitunter durch Gefühle der Macht—bzw. der Gier nach Macht (Geld oder Sex)—zusätzlich beflügelt.

Die Manipulationen, die in der Tat vielfältig, geschickt und schwer zu durchschauen sind und zu der auch Täuschung in der Mitgliederwerbung gehört, können also sehr wohl auch intuitiv und unbewusst angewandt werden und sind mitunter nicht einmal für den Anwender der Manipulation selbst durchschaubar. Im Gegenteil, er/sie würde den Vorwurf der Manipulation weit von sich weisen, aus tiefster innerer Überzeugung in die eigene Makellosigkeit, 'gute Motivation' und völliger Verkennung der Wirklichkeit.

»Jeder Betrüger wird zunehmend effektiver, je mehr er an sich selbst glaubt.« L. Shainberg (Tricycle Winter 97)

»Die Lust am Betrug und am Selbstbetrug eint Täter und Opfer. Nicht selten glaubt der Scharlatan selbst, was er sagt; das lernt er im Lauf seiner Karriere - nicht zuletzt, weil seine Kundschaft ihm fanatisch anhängt. Dabei ahnen alle die Gefahr. Doch die Hoffnung auf eine wunderhafte Wendung scheint ihnen immer noch trostreicher als der Trott des gesunden Menschenverstandes. Strenger ausgedrückt: Es ist erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach Wundern schnappen, um nur in ihrem Unsinn und Albernheiten beharren zu dürfen, und um sich gegen die Ohnmacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können.« J.W. von Goethe, 1791

Im Mittelpunkt der ›Sekte‹ steht natürlich der Anführer und dessen (charismatische) Persönlichkeit.

»Ein angehender Guru kann eine ganze Reihe von Visionen haben, doch eine einzige unter ihnen dient in der Regel als entscheidende Erleuchtung und als heiliger Auftrag für eine besondere spirituelle Mission. Das darf man nicht als eine reine Angelegenheit der Berechnung und des Betrugs missverstehen: Für den Erfolg eines Gurus ist eine starke innere Überzeugung unerlässlich. Doch diese kann durch grandiose Ziele und eine Neigung zur Manipulierung anderer beträchtlich gesteigert werden, der wiederum durch eindrucksvolle Demonstrationen übernatürlicher Fähigkeiten nachgeholfen werden kann.« Robert Jay Lifton, prominenter US-amerikanischer Psychiater

»Für mich liegt es auf der Hand, dass manche Sektenführer einen Minderwertigkeitskomplex und eine anti-soziale Persönlichkeit haben. Obwohl viele Sektenführer materiellen Reichtum anstreben und brauchen, denke ich, dass sie in Wirklichkeit Aufmerksamkeit und Macht suchen. Macht kann in der Tat extrem süchtig machen.« Steven Hassan.

Nach Hassan überträgt sich die Persönlichkeit des ›Sektenführers‹ mit ihren Stärken und Schwächen allmählich auf die Anhänger und führt zu der beobachtbaren Gleichschaltung der Anhänger.

Eines von Steven Hassan's Merkmalen für Sekten, ›Meister der Unschärfe‹ zu sein, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine perfektionierte Fähigkeit des erfolgreichen „Sekten-Anführers“ oder „Sekten-Gurus“. Diese dürften enorm geschickt sein, Details, die ihre zurechtgebogene Laufbahn sichtbar machen könnten oder ihre selbst-proklamierte Kompetenz oder angenommene 'heilige Identität' in Frage stellen könnten durch Unschärfen verschwimmen zu lassen, so dass es schwer fällt zu unterscheiden, was ist hier richtig oder falsch, wahr oder gelogen. Wahrscheinlich ist es nicht falsch zu behaupten, dass solche erfolgreichen Sekten-Anführer auch 'Meister der Hochstapelei' sind und entsprechend die Kunst der Hochstapelei beherrschen. Diese 'Kunst der Hochstapelei' liegt nach Aufassung des Rechtswissenschaftler Rainer Maria Kiesow:

»in der Auflösung der Unterscheidung von wahr und falsch, in der perfekten Ausfüllung einer Rolle […], eine Kunstfertigkeit, die es schwer macht, nachträglich zu beweisen, was wahr war und was nicht.«

Für die Kunst der Hochstapelei

»ist gerade kennzeichnend, dass Wahrheit und Lüge nicht so leicht auseinanderzuhalten sind, ja dass sich die Differenz selbst in Nichts auflöst, zumindest im Dunkeln bleibt.«

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es enorm mühsam und arbeitsintensiv ist, Licht in das geschaffene Dunkel zu bringen und die Tatsachen so zu sehen wie sie sind.

Siehe auch

Hinweis zum Begriffsgebrauch und eine Empfehlung

An wenigen Stellen verwende ich den Begriff ›Indoktrination‹ oder ›Manipulation‹. Verzichtet habe ich dagegen ganz auf die Verwendung des Begriffes ›Bewusstseinskontrolle‹, da er mit der bewussten und gezielten (geplanten) Manipulation verbunden ist, was nicht immer der Fall sein muss und bei buddhistischen Gruppen wohl eher nicht vorkommt. Sicher lohnt es sich für die eigene Erforschung dieses weiten Feldes, auch den Begriff der Demagogie näher zu untersuchen. Ein altes Märchen, das das Motiv von Betrug und Selbstbetrug aufgreift, stammt von H.C. Andersen: »Des Kaisers neue Kleider«. Das Motiv dieses Märchens wird auch in Kapitel 18 »Des Kaisers neue Kleider: Probleme mit Lehrern« in Jack Kornfields Buch »Frag den Buddha - und geh den Weg des Herzens« aufgegriffen. Von ›Sektenaussteigern‹ wurde Kornfields Buch und insbesondere dieses 18 Kapitel als sehr hilfreich beschrieben und als Lektüre für die Reflexion empfohlen.

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Neue Religiöse Bewegung – Anti-Kult-Bewegung – Sekte – Psychogruppe

Nachdem sich in den späten 1960/70er Jahren im Westen zunehmend neue religiöse Gruppen formieren, entwickeln sich als Antwort auf Fehlentwicklungen in bestimmten Gruppen und wahrgenommenem Schaden, Selbsthilfegruppen oder Organisationen, die auf die Gefahren und Risiken bestimmter religiöser Gruppen und ihre Methoden aufmerksam machen wollen. Sie betonen dabei den Schaden, den diese neuen religiösen oder spirituellen Gemeinschaften ihrer Meinung nach den Mitgliedern und deren Familien zufügen und prägen im englischen Sprachraum den Begriff 'Cults' (Kulte). Unterstützung erhalten sie von besorgten Eltern und ehemaligen Gruppen-Mitgliedern. Diese Gegen-Organisationen werden sehr einflussreich. Sie werden von Regierungen angehört und fordern nicht nur Aufklärung über die 'Gefahren von Kulten' sondern auch aktive Maßnahmen gegen sie - z.B. in den USA und Frankreich.

Einige Wissenschaftler wiederum sehen in dieser Entwicklung, in bestimmten Methoden (wie 'Deprogrammierung') und Theorien (wie 'Gehirnwäsche') und dem Einfluss der Kritiker neuer religiöser Gruppen eine Fehlentwicklung. Sie kritisieren sowohl deren konzeptuellen Ansätze als auch, das der verfolgte Ansatz zu einer ungerechten Diskriminierung und Einschränkung religiöser Freiheiten führe. Als Antwort gründen sie u.a. Vereinigungen, die einen balancierteren und neutraleren, beschreibenden Ansatz der neuen religiösen Bewegungen (NRM) verfolgen und treten bewusst an die Öffentlichkeit. Sie prägen nicht nur den Begriff 'Neue Religiöse Bewegungen' sondern fassen die Gruppen, die 'Cults' stark kritisieren, als 'Anti-Cult-Movement' (ACM) zusammen. Zwischen beiden Lagern kommt es zu heftigen Unstimmigkeiten, wechselseitiger Kritik und zu Machtkämpfen, die teilweise heute noch bestehen. (siehe z.B. CIC)

In Europa kann man sicher CESNUR und INFORM als die wesentlichen Motoren des wissenschaftlichen und 'Anti-Cult-Movement'-kritischen Ansatzes sehen. FAIR, CIC oder FECRIS werden in der Encyclopedia of New Religious Movements (Hrsg. Clarke, Routledge, 2005) der 'Anti-Kult-Bewegung' zugeordnet und eher kritisch beschrieben. ICSA (American Familiy Foundation - AFF) wird in der Encyclopedia of New Religious Movements ebenso der ACM zugeordnet (S. 32). Autor Barrett fügt in seinem Artikel jedoch hinzu, dass AFF seit den späten 1990ern im Dialog mit den ihnen opponierenden Wissenschaftlern sind - die sie dem 'Pro-Cult-Camp' zuordnen - und dass AFF offen sei für einen breiten wissenschaftlichen Ansatz. (S. 26 ebd.) So greift denn auch die AFF-Homepage den akademischen Disput in einer Reihe von Artikeln auf: Academic Dialogue and Disputes.

Mein Eindruck ist, dass alle Seiten einen interessanten und relevanten Blickwinkel auf sog. Neue Religiöse Bewegungen oder sog. Kulte/Sekten werfen. Während man der einen Seite, den 'Anti-Kult-Bewegungen', vorwerfen kann, sie würden nur Negatives in Kulten sehen und zu ihrer Diskriminierung und Panikmache beitragen, kann man der anderen Seite vorwerfen, sie würden NRM's 'reinwaschen', weil sie eben eher nicht die destruktiven Strukturen und Gefahren untersuchen oder betonen oder Modelle vorstellen, die die Wirkmechanismen destruktiver Entwicklungen erklären können. Im positiven Sinn helfen m.E. die Anti-Kult-Bewegungen auf die potentiellen Gefahren und Wirkmechanismen dieser Gruppen hinzuweisen, und die wissenschaftliche Forschung hilft, eine neutrale Perspektive zu bewahren, zu Objektivierung und 'Nicht-Hysterie' zu finden und Gruppen vor Pauschalisierung und Stigmatisierung zu schützen.

Aus der Perspektive eines Betroffenen finde ich beide Ansätze hilfreich.

In Deutschland etabliert sich eher der Begriff ›Sekte‹. Die Bundesregierung stellt sich dem Thema durch das Berufen einer Enquete-Kommission ›Sogenannte Sekten und Psychogruppen‹. Im Jahr 1998 legt die Enquete-Kommission ihren Endbericht vor. (Für einen schnellen Überblick siehe Kapitel 6, Seite 148: »Stellungnahme und Handlungsempfehlungen«.) Der Senat von Berlin veröffentlicht im Jahr 2002, die - meines Erachtens sehr hilfreiche und balancierte - Broschüre »Alles Sekte - oder was?«, die auch den Bericht der Enquete-Kommission zusammenfasst und berücksichtigt. Durch die Attentate des '09/11' in New York und die Ansiedlung einer Scientology-Dependance in Berlin, erfährt das Thema ›Sekten‹ auch in Deutschland wieder Aufwind.

Theorien, die aus wissenschaftlicher Sicht sicher berechtigt von einer Mehrzahl an Wissenschaftlern zurückgewiesen werden - wie z.B. das dreistufige Modell von Michele Del Re durch Massimo Introvigne (CESNUR): 1. 'Isolierung der Person', 2. 'Indoktrination', 3. 'die Person in einem Zustand völliger Abhängigkeit zu halten' machen für einen Betroffenen durchaus Sinn - reflektieren z.B. sein subjektives Erleben - und können zu einem Verständnis für die Dynamiken des Prozesses beitragen. Dasselbe gilt für Singer's Beschreibungen von Kulten und den Gefahren, die für die Freiheit und die Entfaltung des Individuums ausgehen. Während einige Wissenschaftler das Wort 'Gefahren von Kulten' in Hochkomma setzen und mitunter einen Schaden für das Individuum leugnen (ein Sektenbeitritt und - austritt würde sich nicht von einem Parteibeitritt oder - austritt unterscheiden), wird ein Schaden auf subjektiver Ebene sehr wohl von ehemaligen Sekten-Mitgliedern oder Wissenschaftlern (wie Singer) beschrieben. Ein Schaden und Missbrauch, der sich sehr tief in ihr Sein und Leben einschneidet und eben nicht einem Parteibeitritt oder - austritt gleicht. Eventuell ist dieses Leid aber wissenschaftlich nicht erfassbar und wird deshalb ignoriert oder nur von eher mitfühlenderen Naturen erfasst?

Der Endbericht der Enquete-Kommission und die Broschüre des Berliner Senats sehen sehr wohl ein Schadpotenzial für den Einzelnen, gesamtgesellschaftlich hingegen konstatiert der Bericht der Enquete-Kommission: »Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellen gesamtgesellschaftlich gesehen die neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen keine Gefahr dar für Staat und Gesellschaft oder für gesellschaftlich relevante Bereiche.« (S. 149 ebd.) Der Sachverständige Dipl. Psych. Werner Gross fasst die Arbeit und Ergebnisse der Enquete-Kommission in einem Artikel »Konfliktentschärfung und Versachlichung« (Report Psychologie 8/98, S. 604-6) zusammen. Er schreibt u.a.:

»Immer wieder war die Enquete-Kommission in der Schußlinie von Interessengruppen und Medien. Die einen forderten, man solle 'die Sekten endlich verbieten', die anderen warfen dem Gremium vor, sie seien 'Hexenjäger' und 'neuzeitliche Inquisitoren'.« […]

»Andererseits hat die Enquete-Kommission in ihrer Arbeit festgestellt, daß der Einzelne und sein soziales Umfeld erheblichen Problemen ausgesetzt sein kann. Aussteiger aus geschlossenen organisierten Gruppen berichteten von schweren familiären Konflikten, finanziellen Abhängigkeiten, psychischen und physischen Schädigungen, starken Einschränkungen der persönlichen Freiheit.«

Konzepte wie 'Gehirnwäsche' und 'Psychomutation', die eine 'Sektenkonversion' erklären sollen, sind nach den Erkenntnissen der Enquete-Kommission aufzugeben. Werner Gross erläutert:

»Vielmehr sind Verhaltens- und Denkweisen, die von außen als Folgen einer wie auch immer gearteten Manipulation wahrgenommen werden, psychologisch als Folgen einer ungewöhnlich starken Bindung des Einzelnen an eine Gemeinschaft zu verstehen, die ein hohes Maß an Sozialkontrolle ermöglicht und hohe Investitionen an Zeit, Geld und Dienstleistungen von Mitgliedern fordert. So kann es im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen zu Formen massiver psychosozialer Abhängigkeit kommen, zumal wenn dies durch bestimmte Techniken und Therapieformen zusätzlich gestützt und gefördert wird. Die Eigenaktivität und Selbstbestimmung des Einzelnen ist zwar deshalb nicht aufgehoben, kann aber dadurch massiv überlagert werden.«

Trotz der Überholtheit bestimmter Konzepte verwende ich manchmal Begriffe wie 'Gehirnwäsche' oder 'Deprogrammierung', einfach um Worte zu haben, die bestimmte Prozesse beschreiben, die mit der Involvierung in sog. 'Sekten' / destruktive Kulte verbunden sind. Aus meiner Erfahrung (und auch wie es häufig von 'Anti-Kult-Gruppen' oder Ehemaligen beschrieben wird) installieren abhängig machende Führer / Gruppen stufenweise Doktrinen / Konzepte im Mitglied, die die geistige und damit physische Freiheit des Individuums immer mehr einschränken - indem sie z.B. Ängste und Schuldgefühle erzeugen - die Person mental oder physisch vom äußeren Umfeld isolieren und immer stärker an den Führer / die Gruppe binden. Es ist dieses erlernte geistige freiheitsbeschränkende System, was nach dem Verlassen einer solchen Gruppe hinterfragt und abgelegt werden muss, wenn man seine geistige Freiheit zurück erlangen möchte. Da dieses abhängig machende System nicht nur auf psychologischen Prozessen, sondern auch auf Lehrdoktrinen beruht, ist auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ideologie / Religion der Gruppe nötig, um diesen Prozess vollends zu verstehen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung oder Kritik an der Lehre Neuer Religiöser Bewegungen oder 'Sekten' wird aber z.B. von INFORM und CESNUR abgelehnt. Das mag fair für die NRMs sein, hilft aber sicher nicht Betroffenen oder Opfern. Von daher hat m.E. nicht nur der wissenschaftliche Ansatz seine 'Existenzberechtigung', sondern auch 'Anti-Kult'- und 'Counter-Kult'-Bewegung haben diese. (Die sog. 'Counter-Kult-Bewegung' (CCM) fokussiert sich eher auf eine Kritik der Lehren von NRM/'Sekten' aus religiöser - meist christlicher - Sicht.)

Als schädigender Faktor für den Einzelnen können neben verqueren (freiheitseinschränkenden) religiösen Konzepten, auch emotionale Manipulationen hinzukommen, die einem Missbrauch von Macht und finanzielle, arbeitszeitliche oder sexuelle Ausbeutung unterstützen. Die 'seelischen Wunden' des Vertrauensmissbrauchs verheilen nur sehr langsam und können einen langwierigen und schwierigen Heilprozess erfordern. Natürlich sind beide Seiten an so einem Prozess beteiligt - aber nicht jeder Suchende ist ein Psychologe oder besitzt die Fähigkeiten, sich selbst zu schützen und diese Prozesse zu durchschauen.

Wenn mein Eindruck mich nicht täuscht, kritisieren manche Aufsätze von Wissenschaftlern, z.B. von Introvigne (CESNUR), die 'Anti-Kult-Bewegung' oder auch Singer so stark (einseitig), dass sie m.E. dabei übersehen, dass diese durchaus Wertvolles und Überdenkenswertes beizutragen haben. Die Sorge der 'Anti-Kult-Bewegung' um die Freiheit des Einzelnen ist ebenso berechtigt wie die eigene Sorge um die Freiheit religiöser Gruppen. Die 'Anti-Kult-Bewegung' oder sie unterstützende Wissenschaftler besitzen das gleiche Recht auf faire Behandlung, wie sie es Neuen Religiösen Bewegungen zukommen lassen möchten. Auf der anderen Seite scheinen einige Gruppen der 'Anti-Kult-Bewegung' mitunter zu sehr feindselig gegenüber den Objekten ihrer Kritik zu sein. Im positiven Sinne kann man für alle Seiten konstatieren, dass ihnen die Freiheit des Einzelnen oder die Freiheit der neuen religiösen Gruppen sowie Aufklärung am Herzen liegt. Eigentlich eine edle Motivation.

Eine weitere Strömung scheinen 'Anti-Anti-Sekten Bewegungen' zu sein, die Begriffe wie „Hexenjagd“ und „Inquisition“ verwenden, um auf die wahrgenommene Einschränkung religiöser Freiheiten und 'religiöse Intoleranz' aufmerksam zu machen und 'Sektenstellen' und 'Sektenexperten' kritisieren. (siehe z.B. Kritik an FECRIS oder diese interessante und spannende Trilogie: a) Meldung: „Sekten“: Amstkirchen ignorieren Gerichtsurteile, b) WAMS-Artikel - 2006, c) detaillierter Hintergrund - 2007 und Maischberger Sendung - 2006)

Nach meiner Beobachtung ist sich INFORM der potentiellen Risiken, die von einigen NRMs ausgehen, bewusst. Neben Faktenauskunft zu Gruppen (Broschüren), vermitteln sie qualifizierte Beratung und bieten Fortbildungen an. In einem Poster von 2004, das für den Aushang an Hochschulen und Universitäten bestimmt ist und 'wach machen' soll, schreiben sie:

»PRÜFE ZUERST Nicht alle Pfade sind gleichermaßen sicher. Einige Bewegungen versprechen die Lösung zu den Problemen des Lebens, können dich aber mit mehr Problemen zurücklassen als Du vorher hattest.«

INFORM schreibt weiter, »Sie könnten:

  • Unehrlich oder verschwiegen über ihre wahre Natur sein
  • Viel mehr von deiner Zeit verlangen, als du erwartet hast
  • Dich eine Menge Geld kosten und in Schulden zurücklassen
  • Deinen Beziehungen mit Deiner Familie und Freunden schaden
  • Dich emotional von der Gruppe abhängig machen, so dass Du es schwer findest, die Gruppe zu verlassen«

Persönlich haben mir eine 6 ½ jährige intensive 'Sektenzugehörigkeit' (im Sinne von völlig auf das 'System' eingelassen) eine 4jährige, aufreibende und intensive 'Deprogrammierungsphase' abverlangt. Nach 6 ½ Jahren Aufarbeitung kann ich für mich den Heilungsprozess als abgeschlossen und die Erfahrungen als integriert betrachten.

Der Abschluss und die Durcharbeitung meiner Erfahrungen und der Heilprozess war nur durch einen breiten Ansatz von Hilfe möglich, dies schließt die Ausführungen oder Gespräche mit christlichen Sektenexperten (Merkmale / Strukturen / Wirkmechanismen von Sekten), qualifizierten buddhistischen Lehrern (Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten), Ehemaligen, der 'Arbeitsgruppe Sekten' der DBU, Kult-Experten (wie Singer oder Hassan), neutraleren wissenschaftlichen Ansätzen, wie den von INFORM, und Psychologen mit ein.

Von daher kann ich jedem Betroffenen nur empfehlen, offen für die Inspiration und Hilfe verschiedener Quellen und Ansätze zu sein, ohne sich erneut von Ideologien oder Strömungen abhängig zu machen.

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31. Oktober 2008
letzte Änderung: 9. Juli 2009

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Ausblick & Dank

Ein Ausstieg ist möglich. Aber er kann sich aufgrund 'implantierter' Ängste, engstirniger und einengender religiöser Sichtweisen, emotionaler Verwirrtheit und der eigenen psychischen, emotionalen und finanziellen Abhängigkeit von der Gruppe und ihrem Führer als sehr schwierig gestalten. Die häufig anzutreffende Isolation/Abschottung von der Außenwelt und der Verlust von Beziehungen zu Menschen außerhalb der Gruppe (z.B. zu Familie & Freunden) verstärken die Schwierigkeit eines Ausstiegs. Wenn man ersteinmal sehr stark in eine destruktive Gruppenstruktur verwickelt und abhängig geworden ist, und man weder durch Ausschluss noch Herausholen von der Gruppe getrennt wird, ist man nach meiner Beobachtung erst dann offen die eigene Sitiuation zu hinterfragen und den Mut für dieses Hinterfragen aufzubringen, wenn das eigene Leid einfach nicht mehr verdrängbar ist und unerträglich wird. Die Prozesse und Dynamiken entfalten sich ähnlich wie bei einem Suchtkranken.

Mir haben sehr viele Lehrer und vor allem S.H. der Dalai Lama, S.H Sakya Trizin, Gesche Tenpa Choepel, S.E. Gangteng Tulku Rinpoche, Ngag Chang Tenzin Dhonden Rinpoche, Ringu Tulku Rinpoche, Yongey Mingyur Rinpoche und ganz besonders Dr. Alexander Berzin und viele Buddhisten; als auch die Arbeit von Frau Rühle vom Berliner Senat und einige gute Webseiten zu ›Sekten‹ beim Ausstieg geholfen. Dank an alle!

Genauso danke ich aber auch meinen vergangenen Lehrern, für das, was ich von ihnen lernte und lerne.

¹ Mit freundlicher Erlaubnis von Hans Erich Frey veröffentlicht.
² auf Relinfo.ch
³ M.Singer, Sekten. Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können, Carl-Auer-Systeme Verlag